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Dies ist die original Festrede unseres damaligen, langjährigen Vorsitzenden und
heutigen Ehrenmitglied Bernhard Kapp, zum 100 jährigen Bestehen unseres Vereins.

Es saßen sieben Männer in einer Gartenlaube am Roten Sand und beschlossen, einen Gartenbauverein zu gründen. Der Name soll Fortschritt sein. Das sind die ersten Worte des Gründungsprotokolls aus dem Jahre 1900. Als ich vor 25 Jahren in den Vorstand unseres Vereins eintrat, hatten wir ein damals schon hochbetagtes Ehrenmitglied, Gartenfreund Fritz Heins. Wir haben unserem Ehrenmitglied jedes Jahr zum Geburtstag gratuliert und dann hat er erzählt. Ut oIe Tiden. Bevor ich auf die Geschichte unseres Vereins eingehe, will ich einiges kurz berichten. Das zum Beispiel er der erste, aber nicht der einzige war, der tief aus dem Untergrund den fruchtbaren Lehmboden heraufgeholt und den unfruchtbaren Sandboden nach unten befördert hat. Damit überhaupt etwas wächst. Kunstnger gab es auch schon, aber den konnte Otto Normalverbraucher sich in der sogenannten "Guten alten Zeit" nicht leisten. Das zum Beispiel er als erster in einem Geschäft in der Innenstadt Sommerblumensaat gekauft hat. Erstaunt haben ihn dann die Nachbarn gefragt: Wat häst du denn dor utseit, BIomen? Ja, ick häff mi BIomen utseit. Häst du denn dor Platz för ? Man nutzte jeden Boden für den Gemüseanbau. Erst in den dreißiger Jahren hatte man dann allenfalls mal drei Rosen an der Laube. Wenn man Sonntagmorgens mal nicht in die Kirche ging, weil allemann auf der Parzelle arbeiten mußten, ging man bei gutem Wetter nachmittags wieder hin. Dann aber im Sonntagsstaat. Die Parzelle gab nicht nur Gemüse, sie gab auch soziale Bindung. Ein Wort von Fritz Heins: Die Parzelle war der Stammtisch des "Kleinen Hannes" Der Fortschritt e.V. wurde als zweiter Kgv. Links der Weser gegründet, um, wie Fritz Heins sagte, sich gegen die Willkür des damaligen Staates besser wehren zu können. Sehr schnell erkannte man auch, daß man sich vereinigen mußte und so gründete der Kgv. Fortschritt zusammen mit dem Kgv. Wardamm - Woltmershausen und noch anderen Vereinen im Jahre 1910 den "Landesverband der Gartenbauvereine". Im Jahre 1900 war unser Potthof von der großen Politik in Berlin betroffen. Es sollte ein Kanal von Bremen nach Dortmund gebaut werden. Zu diesem Zweck wurde der Potthof dem Bauern Vagt entschädigungslos enteignet. Die Erdarbeiten waren schon bis zur Woltmershauser Str. fertig, als dann der Kaiser persönlich den Weiterbau gestoppt haben soll. Denkbar ist das. Der Reichstag hatte gerade das 2. Flottengesetz beschlossen. Das Land wurde dem Bauern Vagt nicht zurückgegeben, es wurde zunächst Grabeland. Besser gesagt, es kam wieder unter den Pflug. Bauer Vagt hat das Land r ein Entgeld gepflügt und die Arbeiter konnten dann dort Gemüse anbauen. So erklärt es sich auch, daß auf einem Teilstück des Potthof die Gärten so lang und schmal sind. In den Jahren 1936 bis 1939 standen auf dem Potthof rot-wee Pfähle. Hier sollte der Hafen erweitert werden. Dann kam der Krieg und die Pfähle verschwanden wieder. Nach 1945 nahm der Verein noch einmal einen großen Aufschwung. Die Mitgliederzahl stieg auf über Eintausend an. Nun traten noch mehr Geschäftsleute von "Pusdorf" unserem Verein als passive Mitglieder bei. Der Kleingärtnerverein Fortschritt e.V. war zu einer Institution in diesem Stadtteil geworden. Aber die Kleingärtnervereine haben auch in diesem Stadtteil eine große soziale Aufgabe übernommen. Mehr als 100 Woltmershauser- Rablinghauser Kleingärtner waren ausgebombt, wären obdachlos gewesen, wenn sie ihre Parzelle nicht gehabt hätten. Sie bauten ihr Parzellenhäuschen winterfest aus und wohnten nun auf ihrer Parzelle. Das sollte unsere Gesellschaft aber vor allem die Politik nie vergessen. Vergessen sollte die Politik auch nicht, ddie Kleingärtner immer und immer wieder Land hergegeben haben, daß es den Gartenfreunden wehgetan hat, die Parzelle zu verlieren. Auch wenn die Einsicht da war, das Bauland gebraucht wird. Man verliert ja nicht nur die Parzelle, man verliert seine Nachbarn, ja Freunde, man verliert einen Teil seines sozialen Umfeldes. Ein Stück des Lebens geht dahin. Und gerade auch jetzt steht die Wegnahme von Parzellen bei unseren Freunden beim Kgv. Wardamm- Woltmershausen und Kgv Am Reedeich wieder an. Auch wir Kleinrtner wissen, wir brauchen Arbeitsplätze, wir brauchen in diesem Bereich eine Verkehrsentlastung. Aber es geht nicht darum, daß die Autobahn gebaut wird, sondern wo sie gebaut wird. Auch unser Verein hat große Gebiete hergegeben. Am Roten Sand, Butjadinger Str. Kamphofer Damm. 1974 beschloß die Mitgliederversammlung die Aufteilung in 4 selbständige Vereine. Neu gegründet wurden der Kgv." Am Westerdeich, der Kgv. "Sommerdeich" und der Kgv. "Kamphof". Der Fortschritt blieb der Traditionsverein. Die Bindung zu diesem Namen war so stark, dder Kamphof sich zunächst "Fortschritt Kamphof" nannte. Der Fortschritt war der 1. Kleinrtnerverein in ganz Bremen, der ein Vereinsheim hatte. Am Potthof hatte eine Familie ein Holzhaus gebaut und war nach kurzer Zeit wieder ausgezogen. Dieses Haus konnte der Verein als Vereinsheim erwerben. Vor dem Bau der Wohnanlage Blexer Str. wurde das alte Vereinsheim entschädigt und abgerissen. Auch für den Bau der Wohnanlage Blexer Str. hat unser Verein im Jahre 1978 den Taubenweg und die andere Seite des Weges "Am Potthof" hergegeben. Aber bei allen erforderlichen, manchmal guten, manchmal schmerzlichen Vorgängen, auch bei Meinungsverschiedenheiten, die Zusammenarbeit mit unserem Landesverband und den Ämtern war immer gut. Und dafür wollen wir uns an dieser Stelle bedanken. Ich erwähnte schon die langen und schmalen Parzellen. Dazu kommt, daß bei uns einige Wege mitten durch die Parzellen verlaufen und die Parzellen doch meist recht groß sind, bis 997 m2. Ein kleines Teilstück konnten wir neu vermessen lassen, weil die Parzellen auf einen Schlag frei wurden. Aber für das gesamte Teilstück brauchten wir bei damaligem Kleingartenrecht von jedem betroffenen Gartenfreund die Zustimmung. Ich ging also mit Unterschriftenliste durchs Gelände. Und scheiterte bei einem älteren Herren. Dat lot man so, dat hät all immer so wähn, dat Land hät min Vadder all so hat. Und so kommt es, daß auch heute noch einige unserer Wege mitten durch die Parzellen verlaufen.

Bernhard Kapp 1. Vorsitzender